Powershot G9X: Spannende Edelkompakte im Experten-Test

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Es muss nicht immer die digitale Spiegelreflex sein: In vielen Fällen ist eine Kompaktkamera nicht nur deutlich handlicher, sondern auch flexibler einsetzbar. Mit der Powershot G9X liefert Canon eine Edelkompakte, die Spiegelreflex-Fotografen als Zweitkamera beste Dienste erweisen kann.

Ich bin ein Digitalfotograf der ersten Stunde: Schon 2002 hatte ich meine erste Digitalkamera, eine Konica Digital Revio KD-400Z mit vier Megapixeln – damals so etwas wie der Porsche unter den Kompaktkameras. Sie leistete mir viele Jahre gute Dienste, wurde aber irgendwann durch eine Konica A200 und schließlich durch eine digitale Spiegelreflex, die Canon EOS 450, ersetzt. Zuletzt folgte eine Canon 60D im Fuhrpark, die aber ständig zu Hause bleibt, weil sie mir schlicht zu groß ist und so knipse ich in 90 Prozent der Fälle mit der Kamera meines iPhone 6S.

Spiegelreflexkamera plus Smartphone: Die perfekte Kombination? Nein: Die Spiegelreflex macht hervorragende Bilder, ist aber im entscheidenden Moment nie zur Hand. Und das Smartphone? Nun: Für Smartphone-Verhältnisse ist die iPhone-Kamera super, im Vergleich zu einem „echten“ Fotoapparat hat sie in Sachen Optik, Bildqualität, Flexibilität und nicht zuletzt Geschwindigkeit jedoch das Nachsehen.

Canon Powershot G9X im Test

Die Canon Powershot G9 X ist um 25 Prozent schmaler als ihre Vorgängerinnen (PowerShot G7 X) und damit noch kompakter – ideal für Fotografen, die unterwegs trotz wenig Platz nicht auf professionelle Bildqualität verzichten wollen.

Zum Glück gibt es aber mit Edelkompakten wie der Canon Powershot G9X heutzutage eine Zwischenstufe, die die Vorteile von Smartphone-Kamera und DSLR auf elegante Weise vereint – und klein die genug sind, um jederzeit dabei zu sein.

Handliche Kompaktkamera mit Smartphone-Anschluss

Wie weit der technische Fortschritt seit meiner Konica vor 15 Jahren gediehen ist, zeigt die Canon Powershot G9X schon beim Auspacken. In schickem Silbergrau gehalten, gerahmt von braunen Kunstleder-Applikationen, übernimmt sie den Metall-Look vieler Kameraklassiker der 50er- und 60er-Jahre.

Das silberne Gehäuse und die braunen Applikationen verleihen der PowerShot G9 X einen coolen Retro-Charme.

Das silberne Gehäuse und die braunen Applikationen verleihen der Powershot G9 X einen coolen Retro-Charme.

Die Rückseite dominiert der große Touchscreen mit einer Diagonale von 7,5 Zentimetern (3,0“). Von der Form her ähnelt sie der alten Konica und passt damit in jede Jackentasche. Für die Hosentasche ist sie eine Spur zu sperrig, für die bei mir immer vollgekrümelte Jackentasche scheint sie zu fragil, weshalb das beste Behältnis für die Powershot entweder eine (optionale) Neopren-Tasche am Gürtel oder die speziell für die G9X vorgesehene Canon DCC-1890-Kameratasche sein dürfte.

Canon Powershot G9X im Test

Der intuitiv zu bedienende, große und hochauflösende 3-Zoll-Touchscreen der Kamera ermöglicht die Steuerung per Berührung und bietet einfachen Zugriff auf die zahlreichen Einstellungen und Funktionen der Kamera.

Technik, die begeistert

Technisch hat die kleine Canon ordentlich was auf dem Kasten: Der große 1“-Bildsensor mit 20,2 Megapixeln garantiert im Zusammenspiel mit dem aktuellen Digic6-Bildprozessor hervorragende Bildqualität. Die G9X besitzt eine Lichtempfindlichkeit von bis zu 12.800 ISO, wodurch sie in Kombination mit der im moderaten Weitwinkel von 28mm äquivalent Kleinbild großen Blende von ƒ=2,0 hervorragend für Available-Light-Fotografie geeignet ist.

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Das 28-Millimeter-Weitwinkelobjektiv der Powershot G9 X mit 3fach optischem Zoom und einer Lichtstärke von 1:2-4,9 ermöglicht gestochen scharfe und detailreiche Aufnahmen – sogar aus der Bewegung heraus oder bei wenig Licht.

Gleichzeitig erlaubt die lichtstarke Optik das effektive Freistellen von Motiven. Der Zoombereich ist dreifach und geht bis 84mm äquivalent Kleinbild. Hier trifft man auf das bei Zoomoptiken übliche Problem der Blendenverkleinerung: Mit einer maximalen Blendenöffnung von ƒ=4,9 im Tele ist die Canon Powershot G9X nicht mehr ganz so lichtstark. Hier greift dann aber zuverlässig der eingebaute Bildstabilisator der Kamera ein und verhindert auch bei längeren Belichtungszeiten zuverlässig Verwackler beim Schnappschuss aus dem Handgelenk.

Für Profis ist die kleine Canon interessant, weil sie Bilder genau wie eine Spiegelreflex auch im RAW-Modus schießen kann und eine flotte Serienbildfunktion mit bis zu 6 Bildern pro Sekunde besitzt. Bei der Auswahl des richtigen Betriebsmodus helfen sowohl das Modus-Einstellrad und der Touch-Screen als auch der praktische Control-Ring am Objektiv, der je nach Betriebsmodus wahlweise mit Zoom, Blende, Belichtungszeit oder anderen Funktionen belegt ist.

Flott und kabellos

Insgesamt können die Werte „als Kamera“ also überzeugen – der eigentliche Clou ist jedoch die integrierte WLAN-Funktion, mit deren Hilfe die Powershot G9X mit dem Smartphone gekoppelt werden kann. Dabei hilft die Canon Camera Connect App (Link), die es für iOS- und Android-Geräte gibt: Wie üblich muss für die Kopplung ein Hotspot auf der Kamera eröffnet werden.

Die Canon Powershot G9X hat dafür einen praktischen Schnellzugriff-Knopf, unter Android kann die Verbindung sogar per NFC hergestellt werden. Ist das Smartphone mit dem Kamera-Hotspot verbunden, ist die App in der Lage, Fotos auszulesen oder die Kamera fernzusteuern.

Dank Dynamic NFC ist die WLAN-Verbindung von Kamera und kompatiblem Mobilgerät durch eine einfache Berührung hergestellt.

Dank Dynamic NFC ist die WLAN-Verbindung von Kamera und kompatiblem Mobilgerät durch eine einfache Berührung hergestellt.

Zudem kann Canons Camera Connect automatisch GPS-Standortinformationen in die Bilder einpflegen. Wohl aus Gründen der Akkulaufzeit hat Canon bei der G9X nämlich – wie bei so vielen anderen Modellen – leider darauf verzichtet, einen eigenen GPS-Empfänger in die Edelkompakte einzubauen, was ich persönlich in Anbetracht des Preises der G9X etwas ärgerlich finde. Denn ohne App gibt es dann auch keine Geotags in den Bildern.

Immerhin: Die Kamera verbindet sich beim Heimgebrauch brav mit dem WLAN und erlaubt die Fernsteuerung ohne eigenen Hotspot. Das ist vor allem für Studio-Fotografen interessant, etwa bei der Produktfotografie – und gegenüber so manchem Konkurrenzmodell ein deutlicher Vorteil.

Powershot G9X in der Praxis: Schnell und beste Bildqualität

Doch egal ob mit oder ohne WLAN-Fernsteuerung: Die Canon G9X zeichnet sich in der Praxis durch ihre ausgesprochen hohe Geschwindigkeit aus. Die ist durchaus vergleichbar mit der einer aktuellen EOS-Kamera samt STM-Kitobjektiv, zumal keine Auslöseverzögerung spürbar ist und auch der große Touchscreen das Bild ohne Verzögerung wiedergibt. Der Autofokus ist flott und trifft Motive fast zu 100 Prozent präzise, selbst wenn man Schnappschüsse aus der Hand abfeuert. Bei Bedarf kann der Fokuspunkt einfach per Touchscreen gesetzt werden.

Die Anzahl der Bedienelemente wurde gezielt minimiert und durch eine Touchscreen-Bedienung ersetzt. Dadurch wird der Fokus auf die Einfachheit in der Bedienstruktur gelegt.

Die Anzahl der Bedienelemente wurde gezielt minimiert und durch eine Touchscreen-Bedienung ersetzt. Dadurch wird der Fokus auf die Einfachheit in der Bedienstruktur gelegt.

Einzig der Makro-Modus ist bei anderen Kameras dieses Segments – etwa Fujifilms X30 – deutlich besser gelöst. Mit einer Naheinstellungsgrenze von „nur“ 5 Zentimetern ist die Canon vielen Konkurrenzmodellen unterlegen, die bis zu einem Zentimeter an das Motiv herankönnen.

Allerdings holen die 20 Megapixel hier viel heraus: Die oben erwähnte Fuji hat nur 12 Megapixel, ein Crop auf die gewünschte Nähe ist mit der Canon also problemlos möglich. Im Alltag praktisch ist übrigens der integrierte Blitz, der auf Tastendruck oder Wunsch der Automatik herausspringt und durch einfaches Hineindrücken wieder deaktiviert werden kann.

Die Powershot G9 X ermöglicht das Aufnehmen von hochwertigen Full-HD-Filmen mit Bildraten bis zu 60 Bildern pro Sekunde.

Die Powershot G9 X ermöglicht das Aufnehmen von hochwertigen Full-HD-Filmen mit Bildraten bis zu 60 Bildern pro Sekunde.

Die Filmfunktion ist mit einer Auflösung von maximal Full-HD (1.920 x 1.080 Pixel) und bis zu 60 Bildern pro Sekunde Standard, aber eher unterdurchschnittlich gut. In der Praxis etwas störend ist der nicht ganz so flotte Zoom. Allerdings sollten sich Schnappschussfotografen sowieso am besten im 28mm-Weitwinkel mit der großen Blendenöffnung aufhalten und diese Zoomstufe wie eine Festbrennweite nutzen – das garantiert beste Bildqualität und schnellste Reaktionszeiten. Die Bilder und Videos, die hinten herauskommen, sind übrigens ohne Tadel und durchaus mit denen einer APS-C-DSLR vergleichbar.

Fazit: Eine tolle Zweitkamera – oder Alternative zur DSLR

Alles in allem hat mir die Canon Powershot G9X hervorragend gefallen. Es ist erstaunlich, wie viel High-Tech heutzutage in einem derart schlanken Gehäuse Platz findet. Das Gewicht von nur 209 Gramm und die kompakte Kantenlänge von knapp 9,8 x 5,8 x 3,1 cm sorgen dafür, dass die Kamera überall Platz findet und auch tatsächlich dabei ist, wenn man tollen Motiven begegnet. Und die Aufnahmen können dank des WLANs auch direkt via Smartphone weitergeleitet werden, was teure Adapter und lästige Kabel erspart. Ich als Canon-Nutzer habe mich ohne Blick ins Handbuch sofort in den Menüs der Kamera zurechtgefunden, was die Canon Powershot G9X als mobile Zweitkamera zu einer vorhandenen Canon-DSLR prädestiniert.

Doch längst nicht nur das: Für Foto-Enthusiasten, die bislang ohne DSLR zurechtkamen, präsentiert sie sich als hervorragende kompakte Alternative zu deutlich teureren Spiegelreflex- oder Systemkameras, zumal sich der moderate, lichtstarke und verzerrungsarme Weitwinkel perfekt für Straßenfotografie eignet und gegebenenfalls ein teures Festbrennweiten-Objektiv ersetzen kann.

Lesetipp der Redaktion: Mit der EOS M10 liefert Canon eine günstige Einsteiger-Systemkamera mit dem hauseigenen M-Objektivsystem. Mit Touch-Bildschirm, WLAN und APS-C-Sensor schickt sich die Kamera an, auch im D-SLR-Revier zu wildern. Wir haben uns die kleine Canon einmal genauer angeschaut.

Fotos: Canon